Mein erstes Blind-Date oder Vorteile autoritärer Erziehung

Der Labrador. Doof, aber treu und gelehrig.

Trotz aller Bemühungen wurde ich dennoch als wehrtauglich gemustert. Nun hätte ich nichts dagegen einzuwenden gehabt, ein bisschen mit der Knarre in der Gegend rumzuballern, aber mit einem Haufen Deppen in Reih und Glied zu marschieren war dann doch nicht so mein Ding. Glücklicherweise konnte ich die Damen und Herren vom Kreiswehrersatzamt von meiner zutiefst pazifistischen Einstellung überzeugen, und so wurde ich Zivildienstleistender bei der Familienhilfe e.V.

Die ersten zwei Wochen hatte ich frei, denn es fand sich einfach keine Familie, die mich in ihren warmen Schoß aufnehmen wollte. Schliesslich gelang es aber doch. Beide Eltern des zu betreuenden Kindes waren stark sehbehindert. Im Allgemeinen nimmt man an, dass bei blinden Menschen die anderen Sinne stärker entwickelt sind, was sich aber wohl nicht auf den Geruchssinn zu beziehen scheint.

Jedenfalls waren diese Leute sehr nett und beauftragten mich, ihren Blindenhund zu malen. Eine Bekannte wurde eingeladen um das Werk zu begutachten, danach gab’s die Kohle.

Bei einer anderen Gelegenheit gereichte mir wieder mal meine sprichwörtliche innere Ruhe und Gelassenheit zum Vorteil. Der Auftrag lautete, einen schwer an ADS leidenden Jungen (zu leiden hatte eigentlich mehr seine Umgebung) für den Abend zu betreuen. Ein Seelenverwandter gewissermassen.

Normalerweise gehören neunjährige ja um 10:00 Uhr ins Bett. Dies stand aber ausser Diskussion, ich sollte nur dafür Sorge tragen, dass die Nachbarn sich nicht durch allzu viel Lärmemission gestört fühlen. Ich könnte Fernsehen, sagten die Eltern, sollte mir aber die Vorstellung eines ungestörten Filmgenusses aus den Kopf schlagen.

Eine Weile liess ich dann auch den Terror des kleinen Kobolds über mich ergehen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo er zum gefühlten hundertsten mal in der Küche verschwand und meine Intervention damit begegnete, einen eisernen Kochtopf in Richtung meiner bestrumpften Füsse zu schleudern. In diesem Augenblick vernahm ich eine Stimme in meinem Kopf, die mir zuflüsterte: „Wie hätte dein Vater jetzt reagiert?“.

Nachdem sich der Junge in den Schlaf geweint hatte, konnte ich endlich den weißen Hai II in Ruhe zu Ende sehen.

Bald kamen auch die Eltern nach Hause, blickten sich um und fragten: „Wo ist er?“. „Der liegt im Bett und schläft!“ war meine Antwort. Fassungslos lies ich sie zurück.

Natürlich wurde der Vorfall in der nächsten Gruppensitzung thematisiert, weil doch vor mir sämtliche Zivis die Wohnung nur mit schweren Traumata  verliessen. Da der Junge aber aufgrund seines Handicaps nicht in der Lage war, sich zu artikulieren, blieb es unser dunkles Geheimnis.

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